Die Antwort auf künstliche Intelligenz heißt menschliche Kreativität

  • Elisa Voggenberger

Was sollte man heutzutage eigentlich noch lernen? Warum sollte man Fakten, Theorien und Prinzipien auswendig kennen (und wiedergeben können), wenn doch alles einfach online zugänglich ist? Muss man denn nicht eigentlich nur wissen, wo alles zu finden ist?

Und: fühlt man sich beim Lernen von Inhalten nicht auch ein bisschen wie in Kurt Tucholsky’s Text „Es gibt keinen Neuschnee“? Immer einen Schritt hintendran als der Dumme, der das Wissen der intellektuellen Vorreiter nachkaut, weil man selbst keinen originalen Gedanken mehr gefasst hat seit … puh – seit wann eigentlich?

Und nun mal ehrlich, in Zeiten der Digitalisierung und des „machine learnings“: Warum sollte man da etwas lernen, was man auswendig lernen kann? Da wäre man doch strategisch ganz schlecht aufgestellt, wenn man sich repetitives Wissen aneignet, was in kürzester Zeit jeder Computer besser kann als man selbst?

Lernen groß gedacht

Hat das Lernen, so wie wir es kennen, ausgedient? Vielleicht fasst man den Begriff des Lernens nochmals etwas größer als Pisa-Studien und abgründige Trends wie „Bulimie-Lernen“ (pardon für den Ausdruck) es uns suggerieren. Geht es dabei nicht eigentlich um ein Handwerk, um das Leben zu meistern?


Als man mit einem Jahr laufen lernte, war das ein Schritt in Richtung Freiheit und Selbstständigkeit – ein Schritt, der für ein erfolgreiches weiteres Leben unabdingbar war. Wäre man dramatisch würde man sagen: es war ein Schritt, der wichtig war fürs Überleben. Auch das Abitur und das Studium war in den meisten Lebensläufen primär als Eintrittskarte für die nächste „Hürde“ relevant, das Wissen als wichtiger Bestandteil für die nächsthöhere Bildungsetappe. Meinte meine Mutter den zukünftigen Job, als sie während meiner Schulzeit stets zu sagen pflegte „Man lernt nicht für die Schule, man lernt fürs Leben“? Oder war das abgewandelte Seneca Zitat eine Referenz auf Darwins Evolutionstheorie – vereinfacht zusammengefasst als „survival of the fittest“?

Gedanken zum neuen Lernen – Drei Aspekte

Ich würde in Zeiten des Chaos, der Volatilität, der politischen Unsicherheit und der zunehmenden Digitalisierung gerne folgende drei Aspekte beleuchten, die Mut machen sollen für das Lernen und vielleicht eine andere Perspektive auf die Thematik bieten können: 

Werkzeug

Ich mag das Zitat: „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel“ (von Paul Watzlawick).

Ich glaube, dass es sehr gut auf die berufliche Welt anzuwenden ist. Als Wissensarbeiter in der heutigen Zeit ist die Problemlösung komplexer Sachverhalte zentraler Bestandteil der Arbeit. Man stelle sich nun also vor, ein Ingenieur, der „IT-ler“ und der Psychologe schauen auf das gleiche Problem: So wird der Ingenieur mit seinem Ingenieurswerkzeug ein Ingenieur-Problem, der „IT-ler“ ein IT-Problem und der Psychologe ein psychologisches Problem in ein und demselben Sachverhalt erkennen.


Dies ist ganz natürlich, da wir ja geschult sind in einer Richtung oder Disziplin und es gewohnt sind mit deren Werkzeuge Probleme zu lösen. Oft liegt die Wahrheit der Dinge jedoch dazwischen – im Zwischenraum zwischen den Disziplinen und Blickwinkeln. Mut zu haben, sich diesem ominösen zwischen zu nähern, kann bedeuten, dass sich plötzliche zusätzliche Perspektiven, kritische Ansichten und innovative Interdisziplinarität auftut. Und wer sich mit Innovation und Disruption beschäftigt weiß: In der ungewöhnlichen Kombination vorhandenen Wissens liegt der neue große Coup.

Buch

Alvin Toffler, ein bekannter amerikanischer Zukunftsforscher, sagte einmal: „Die Analphabeten des 21. Jahrhunderts werden nicht diejenigen sein, die nicht Lesen und Schreiben können, sondern diejenigen, die nicht lernen, verlernen und wieder lernen“ (im Englischen schön „learn, unlearn and relearn“).

Den Aspekt der allgemeinen Wichtigkeit des Lernens, ergänzt der Zukunftsforscher um zwei weitere Komponenten: Das Verlernen als erster Schritt wird hier zum elementaren Bestandteil der Adaptierbarkeit - denn nur, wenn man absichtlich verlernt, wie man es sonst immer gemacht hat, kann dann im zweiten Schritt man neue Denkprozesse aufbauen.


Wenn die Welt sich so schnell dreht und drastische Veränderung die neue Norm sind, dann dürfen wir uns nicht an gelernten bzw. etablierten Denkprozessen festhalten. Warum einen kreativen Prozess nicht mal anders starten? Warum lässt man sich nicht mal von anderen Disziplinen inspirieren und schaut, ob sie vielleicht auch in den eigenen Projekten Anwendung finden können? Gelernte Routinen bewusst zu verändern, neue Trends einfach mal auszuprobieren und etablierte Denkmuster absichtlich herausfordern kann helfen, um der Dynamik unserer Zeit entgegenzutreten und nicht zurückgelassen zu werden. Darwin würde sagen, am Ende überlebt, wer sich am besten angepasst hat.

Roboter

Nicht nur Stephen Hawking, sondern auch viele Arbeiter in unterschiedlichsten Industrien und Jobprofilen fragen sich, wie lange es noch dauern mag, bis künstliche Intelligenz, IBM Watson und Roboter aller Art unsere Arbeit übernehmen.

Dieses nicht allzu unwahrscheinliche Szenario scheint nicht so einfach von der Hand zu weisen und beunruhigt Menschen tatsächlich sehr. Was bedeutet das für das Lernen? Wie oben bereits angedeutet, sind repetitives Wissen und erlernbares Wissen am meisten von der Automatisierung betroffen. Was bleibt dann für uns? Das „klassisch-nicht-erlernbare“ Wissen natürlich: Kritisches Denken, Entscheidungen treffen und Lösungen für komplexe Probleme finden und ganz besonders wichtig: Kreativität. Ist Kreativität nicht manchmal auch total unlogisch? Sind Produkte, die wir Menschen plötzlich unbedingt benötigen, trotz fehlender Marktforschungsanalysen total erfolgreich geworden? Ist die heutige Wirtschaft und Kaufmoral nicht eindeutig von Gefühlen, einem Lifestyle-Gespür und unerfüllten unbewussten menschlichen Wünschen geprägt? Doch, natürlich!

Freuen wir uns also auf künstliche Intelligenz - möge sie uns noch mehr Tätigkeiten abnehmen, die wir nicht mehr so gern machen und konzentrieren wir uns beim Lernen auf das, was unmittelbar menschlich und einzigartig ist.

Be uniquely human!

Ich hoffe, dass Perspektivenwechsel und das Einlassen auf Interdisziplinarität sowie der Aspekt des Lernens, Verlernens und Neulernens und schließlich der Fokus auf die einzigartigen Fähigkeiten von natürlichen Intelligenzen (im Gegensatz zu künstlichen Intelligenzen) eine interessante Sichtweise auf das Lernen bietet.

Ich freue mich über Feedback, Diskussionen und andere Einsichten – am schönsten ist es doch, von anderen zu lernen und die oben genannten Strategien direkt selbst anzuwenden... 

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